Lawinenbasics

Lawinensuche & Rettung

Für die Rettung der Verschütteten sind die ersten 20 Minuten entscheidend, da ihre Überlebenswahrscheinlichkeit noch 85% beträgt – danach sinkt diese drastisch ab. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass Suche und Rettung eines einzigen Verschütteten durchschnittlich 20 Minuten in Anspruch nehmen. Wenn man sich dies vor Augen führt, lässt sich in etwa ermessen, wie kostbar die Zeit und wie wertvoll die sichere Bedienung der Notfallausrüstung ist.

Die Rettung von Verschütteten ist ein Wettlauf gegen die Zeit! Deshalb stellt die Kameradenrettung die grösste Überlebenschance eines Verschütteten dar. Kameradenrettung bedeutet, dass die Verschütteten von anderen Gruppenmitgliedern sofort nach dem Lawinenniedergang geortet und geborgen werden.

Verhalten während eines Lawinenniedergangs

Als Betroffener:

  • Fluchtfahrt seitlich
  • Schneesportgeräte und Stöcke weg (Ankerwirkung)
  • Versuchen, an der Oberfläche zu bleiben
  • Mund schliessen, Arme vor das Gesicht (freie Atemwege beim Stillstand der Lawine)

Als Beobachter:

  • Verschwindepunkt des Verschütteten und Fliessrichtung der Lawine beobachten
  • Primärer Suchstreifen festgelegt

Notfallplan

Der Notfallplan listet die elementarsten Massnahmen für eine erfolgreiche Kameradenrettung auf:

  • Übersicht verschaffen
  • Ich suche mit LVS: SEARCH
  • Ich suche nicht: Rettungs-SEND aktivieren (nur PULSE Barryvox)
  • Mindestens ein Retter sucht sofort mit Auge, Ohr und LVS
  • LVS Suche abgeschlossen: Alle LVS auf SEND
  • Bergen - Erste Hilfe - Alarmieren

Lawinenverschüttetensuche

Standardablauf bei neueren LVS Geräten mit Richtungspfeil:

  1. Signalsuche: Suchbereich bis zum Empfang des ersten Signals
  2. Grobsuche: Suchbereich ab Erstempfang bis in unmittelbare Umgebung des Verschütteten. Hierbei wird das Grundmuster der Signalsuche verlassen und den Richtungs- und Distanzanzeigen Signalen gefolgt.
  3. Feinsuche: Suchbereich in unmittelbarer Umgebung des Verschütteten.
  4. Punktsuche: Erster Sondenstich bis Sondentreffer.
  5. Mehrere Verschüttete: Mittels Mustererkennung werden die Verschütteten in die Verschüttetenliste aufgenommen und mittels Markierfunktion als «gefunden» markiert. Mustererkennung und Markierfunktion ermöglichen, einen grossen Teil der Verschütteten aufzufinden, ohne spezielle Vorgehensweisen (Suchmethoden) für das Auffinden mehrerer Verschütteten anwenden zu müssen.

Signalsuche

Der Lawinenkegel wird systematisch mit der Suchbreitenstreife vom Gerät (Distanz abhängig von Gerätetyp) abgesucht, bis ein Sendesignal detektiert werden kann. Die Primäre Suchphase wird deshalb z.T. auch Erstsignalsuche genannt.

LVS zur Optimierung der Reichweite langsam um alle Achsen drehen. Wird ein Signal empfangen, Geräteposition halten und weitergehen bis Signal deutlich hörbar ist. Damit ist die primäre Suchphase beendet.

Grobsuche

Halten Sie das Gerät horizontal vor sich und gehen Sie in die vom Pfeil angezeigte Richtung. Nimmt die angezeigte Distanz zu, so entfernen Sie sich vom Verschütteten. Führen Sie die Suche in der entgegengesetzten Richtung fort.

Gehen Sie nicht rückwärts, da sonst die Richtungsanzeige fehlerhaft ist.

Feinsuche

Führen Sie das Gerät in dieser Phase zwingend unmittelbar über die Schneeoberfläche und kreuzen Sie den Punkt mit der kleinsten Distanzanzeige systematisch ein.

Bei LVS Geräten die eine Markierfunktion haben, soll der Verschüttete erst markiert werden, wenn er mittels Sonde erfolgreich aufgefunden wurde!

Triage

Bei knappen Ressourcen (wenige Retter) können nicht alle Verschütteten gleichzeitig lokalisiert und ausgegraben werden. Es stellt sich die Frage, in welcher Reihenfolge die Verschütteten gerettet werden sollen. Verschüttete mit einer erhöhten Überlebenschance sollen vorrangig lokalisiert und geborgen werden. Neben einfachen Geländebetrachtungen, z.B. Absturz über Felsklippen etc., sind insbesondere die Verschüttungstiefe und beim PULSE Barryvox® neu die Vitaldaten wichtige Triagekriterien.

Sondieren

Die punktgenaue Ortung eines Verschütteten ist mittels LVS nicht möglich. Die Verschüttungstiefe und gegebenenfalls die Lage des zu Bergenden können jedoch mittels Lawinensonde einfach und schnell bestimmt werden. Vom Punkt mit der kleinsten Distanzanzeige bzw. dem lautesten Ton ausgehend, soll ein spiralförmiges Sondermuster angewendet werden. Dabei ist rechtwinklig zur Schneeoberfläche zu sondieren.Wurde der Verschüttete mit der Sonde getroffen, so wird diese stecken gelassen. Die Sonde ist nun ein idealer Wegweiser während der Freilegung des Verschütteten. Die Verschüttungstiefe stellt ebenfalls ein Triagekriterium dar. In Situationen mit knappen Ressourcen behandeln Sie besonders tief Verschüttete sekundär.

Schaufeln

Bemessen Sie den Grabsektor grosszügig, achten Sie auf die Atemhöhle und zertrampeln Sie den Verschütteten nicht von oben. Schaffen Sie einen seitlichen Zugang zum Verschütteten. Auch das Schaufeln muss geübt sein, stellt es doch mit Abstand den grössten Zeitfaktor dar.Stechen Sie mit der Schaufel Blöcke aus dem Schnee. In der Gruppe soll der Frontmann nach einer gewissen Zeit ausgewechselt werden. Am einfachsten rotiert die Grabmannschaft von Zeit zu Zeit im Uhrzeigersinn.

Erste Hilfe

Patientenbeurteilung ABC

  • A Airway - Luftwege befreien (Schnee?)
  • B Breathing - Beatmen
  • C Circulation - Herzmassage, CPR

Lebenserhaltende Sofortmassnahmen

  • Je nach ABC Beurteilung des Patienten Weiterführung der Beatmung bzw. Beatmung mit Herzmassage des Patienten
  • Schutz vor weiterer Auskühlung
  • Bei ansprechbarem Patienten, der noch Schlucken kann: Einflössen von heissen Getränken
  • Nur sehr vorsichtiges Bewegen des Patienten
  • Abtransport wenn möglich mit Helikopter

Alarmieren

Im Rahmen dieser Anleitung ist es nicht möglich, eine komplette Liste aller Berg- und Flugrettungsdienste zu veröffentlichen. Bitte erkundigen Sie sich vor der Tour vor Ort über die zuständigen Rettungsdienste und die zur Alarmierung nötigen Telefonnummern und Funkfrequenzen.

Unfallmeldung

  • Wer – ist der Anrufende?
  • Was – ist geschehen?
  • Wo – ist der Unfallort?
  • Wann – ist der Unfall geschehen?
  • Wieviele – Verletzte (Verletzungsart), Retter?
  • Wetter – im Unfallgebiet?

Alpines Notsignal

Kann die Alarmierung nicht über Funk oder Telefon durchgeführt werden, soll versucht werden, die Notlage durch das Alpine Notsignal anzuzeigen. Sichtbares oder hörbares Signal:

Tourenplanung

Wir möchten Ihnen aus diesem komplexen Gebiet einige elementare Punkte mit auf den Weg geben und empfehlen Ihnen eine fundierte Grundausbildung und stetige Weiterbildung.

Die meisten Wintersportler verunglücken in Schneebrettern, die sie mit ihrer  Zusatzbelastung selbst ausgelöst haben. Die Schneedecke ist zerbrechlich. Schneebretter gleichen gespannten Fallen. Wenn wir den Auslöser erwischen, schnappt die Falle zu. Denken Sie daran, dass ein kleines Schneebrett von 100 m3 rund 25 Tonnen wiegt!

Die Planung für eine Tour muss schon Tage vor dem eigentlichen Start erfolgen, folgende Fragen sollten gestellt und geklärt werden:

  • Welche Gefahrenstufe liegt vor?
  • Wie steil ist die steilste Stelle?
  • Welche Hangexposition liegt vor?
  • Notfallausrüstung (LVS, Schaufel, Sonde) komplett und bereit?
  • Wie ist die Wettervorhersage?
  • Wie gross ist die Gruppe und das Können?

GefahrenstufeSchneedeckeTypische Anzeichen
Touren

1 - Gering

Allgemein gut verfestigtKeineAllgemein günstige Verhältnisse
2 - MässigAn einigen Steilhängen nur mässig verfestigtSchwer erkennbar
Fehlende Alarmzeichen
 
Mehrheitlich günstige Verhältnisse
Vorsichtige Routenwahl in Steilhängen der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen

3 - Erheblich

An vielen Steilhängen nur mässig bis schwach verfestigtWumm-Geräusche
Vereinzelt spontane Schneebretter
Nahauslösungen am Hangfuss
Teilweise ungünstige Verhältnisse
Erfahrung in der Lawinenbeurteilung erforderlich
Steilhänge der im Lawinenbulletin angegebenen Expositionen und Höhenlagen möglichst meiden
4 - Gross
An den meisten Steilhängen nur schwach verfestigtSpontane Schneebretter
Fernauslösungen
Ungünstige Verhältnisse
Touren nur in mässig steilem Gelände unter 30°
Auslaufgebiete beachten
5 - Sehr Gross
Allgemein schwach verfestigt und weitgehend instabilSpontane Schneebretter und
Fernauslösungen von grossem Ausmass
Sehr ungünstige Verhältnisse
Verzicht empfohlen
Hangexposition und Neigung

Wichtig in der Anwendung ist die in Betracht zu ziehende Hangfläche:

  • Bei Gefahrenstufe Gering: die unmittelbare Umgebung der Spur
  • Bei Gefahrenstufe Mässig: 20 Meter links und rechts von der Spur
  • Bei Gefahrenstufe Erheblich: die gesamte Hangfläche

Zur Schonung der Schneedecke sind Entlastungsabstände eine wirksame Vorsichtsmassnahme. Im Aufstieg sollen diese ca. 10 m, in der Abfahrt, entsprechend der grösseren Belastung, ca. 30–50 m betragen. Schlüsselstellen sind einzeln zu befahren. Schonen Sie die Schneedecke durch langgezogene Schwünge.

Gruppentest

Vor einer Tour oder Abfahrt müssen die LVS aller Mitglieder der Gruppe überprüft werden. Zur Durchführung des Tests wird bei einem einzigen Gerät der Gruppe die Funktion Gruppentest oder Search aktiviert. Prüfen Sie nun, ob sich alle LVS der Teilnehmer im Sendemodus befinden. Der Test ist erfolgreich, wenn Sie bei allen Teilnehmern deutlich hörbare Pieptöne in der angezeigten Prüfdistanz hören können. Durch einen genügend grossen Abstand zwischen den Teilnehmern ist eine gegenseitige Beeinflussung auszuschliessen. Die Prüfdistanz darf nicht unterschritten werden, da der Gruppentest ansonsten stark an Aussagekraft einbüsst. Ist in der angezeigten Prüfdistanz kein Ton hörbar, darf das getestete Gerät nicht verwendet werden und dessen Batterien und gegebenenfalls das Gerät selbst müssen überprüft werden.

Folgende elementare Vorsichtsmassnahmen müssen unabhängig von der Gefahrenstufe immer eingehalten werden:

  • LVS auf SEND (zum LVS gehören Schaufel und Sonde)
  • Umgehen frischer Triebschneeansammlungen
  • Einplanung der tageszeitlichen Temperaturschwankungen, vor allem im Frühjahr (gilt auch für Hüttenwege)
  • Laufende Überprüfung der Verhältnisse während der Tour

Gefahrenbeurteilung

Beträgt der Neuschneezuwachs der letzten 1–3 Tage folgende Werte, so mindestens von der Gefahrenstufe Erheblich auszugehen:

  • 10–20 cm bei ungünstigen Bedingungen
  • 20–30 cm bei mittleren Bedingungen
  • 30–50 cm bei günstigen Bedingungen

Ungünstige Bedingungen:

  • starker Wind (>50 km/h)
  • tiefe Temperaturen (< - 8º C)
  • Hang selten befahren

Günstige Bedingungen:

  • schwacher Wind
  • Temperatur wenig unter 0º C
  • Hang oft befahren

GefahrenstufeFahrbare Hangneigung
2 - Mässigweniger als 40 Grad
3 - Erheblich

weniger als 35 Grad

4 - Grossweniger als 30 Grad

Unverspurte Steilhänge (>30 Grad)?
Entlastungsabstände mind. 10 m.

Ausserhalb der im Lawinenlagebericht angegebene Hang- und Höhenlage?
Gefahrenstufe in der Regel eine Stufe tiefer.

Knapp ausserhalb der im Lawinenlagebericht angegebenen Hang- und Höhenlage?
Nicht ans Limit gehen!

Lawinenwarndienste
Im Rahmen dieser Anleitung ist es nicht möglich, eine komplette Liste aller Lawinenwarndienste zu veröffentlichen. Aktuelle Informationen über alle Lawinenwarndienste (weltweit) finden Sie auf der Homepage des Cyber Space Avalanche Center http://www.csac.org