Thomas Senf
 

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Schlingenmaterial beim Standplatzbau

Einsatz von Schlingenmaterial beim Standplatzbau in alpinen Mehrseillängentouren

In alpinen Mehrseillängenrouten in Fels, Eis und kombiniertem Gelände ist der Standplatz von zentraler Bedeutung. Deshalb muss der Standplatz zwingend jeder nur denkbaren Sturzbelastung gewachsen sein.
Grundsätzlich ist beim Standplatzbau darauf zu achten, dass Redundanz hergestellt wird, das heisst auf mehrere unabhängige Fixpunkte zurückgegriffen wird.
Dies kann durch verschiedene Arten des Standplatzbaus erreicht werden. Galt die sogenannte Ausgleichsverankerung (oder Kräftedreieck) einst als die praktikabelste Lösung für das Einrichten eines Standplatzes, so wird heute meist die Reihenverankerung bevorzugt. Beide Prinzipien greifen auf mindestens zwei unabhängige Fixpunkte zurück. Bei der Ausgleichsverankerung wird die Kraft durch ein Kräftedreieck auf die beiden Fixpunkte verteilt. Bei der Reihenverankerung wird ein Fixpunkt voll belastet, der zweite dient ausschliesslich der Redundanz. Deshalb wird die Reihenverankerung dann bevorzugt, wenn mindestens ein solider Fixpunkt (Sicherheitshaken, Bohrhaken) am Standplatz vorgefunden wird. Werden die beiden Fixpunkte hingegen als unzulänglich eingestuft (Schlaghaken, Klemmkeile oder andere mobile Sicherungsmittel), so ist die Ausgleichsverankerung vorzuziehen.

Die Reihenverankerung funktioniert nach dem Zentralpunktprinzip:

In den unteren der beiden Fixpunkte wird ein Verschlusskarabiner eingehängt. Anschliessend wird eine ausreichend lange Bandschlinge mit einem Sackstich abgeknotet, so dass ein kleineres Auge in der Schlinge entsteht. Dieses Zentralpunktauge (1) wird dann in den Verschlusskarabiner eingehängt. Die Schlinge an sich wird mittels einem weiteren Karabiner und einem Mastwurfknoten im Doppelstrang im zweiten, oberen Fixpunkt fixiert (2). Das Ende der Schlinge, welches nach dem Knoten des Mastwurfes über steht, wird zur Hintersicherung des Knotens noch einmal in den im Fixpunkt eingehängten Karabiner eingehängt (3).

Im Zentralpunktauge kann nun die Selbst- und die Partnersicherung mit zwei HMS-Karabinern installiert werden.
Mitunter kann die mittels Bandschlinge hergestellte Verbindung der beiden Fixpunkte  von elementarer Bedeutung sein, nämlich dann, wenn einer der Fixpunkte versagen sollte und die Kraft auf den zweiten Fixpunkt übertragen wird. In diesem Fall ist neben dem zweiten Fixpunkt die Verbindung der beiden Fixpunkte von zentraler Bedeutung. Die Bandschlinge muss dann sämtlichen erdenklichen Kräften, die bei Ausbruch eines Fixpunktes auftreten können, stand halten, um einen Seilschaftsabsturz zu vermeiden.

Auswirkungen der Materialunterschiede in der Praxis

Schlingenmaterial beim Standplatzbau

Schlingen aus Polyamid nehmen bis zu 4% ihres Eigengewichts an Wasser auf. Dies hat eine mindernde Wirkung auf die Festigkeit der Schlinge, durchnässtes Polyamid kann bis zu 25% an Festigkeit verlieren. Hierauf ist vor allem dann zu achten, wenn in der Nähe eines Standplatzes Nässe auftritt. Vorsicht bei fix installierten Schlingen. Diese „überwintern“ an den Standplätzen und sind somit über einen langen Zeitraum Nässe ausgesetzt. An Standplätzen vorgefundene Schlingen immer einer eingehenden Untersuchung unterziehen. Im Zweifelsfall eine eigene, einwandfreie Schlinge zur Herstellung der Redundanz verwenden.

Knoten

Knoten in einer Schlinge haben zur Folge, dass das Bandmaterial kleineren Umlenkradien ausgesetzt ist. Dies reduziert die Schlingenfestigkeit. Knoten in Schlingen (im Doppelstrang) reduzieren die Bruchfestigkeit im Schnitt um ca. 45%. Darum sollte auf Knoten in Bandschlingen so weit als möglich verzichtet werden. Ist ein Verknoten der Schlinge beim Klettern oder Bergsteigen nicht zu vermeiden, dann sollte auf Knoten zurückgegriffen werden, welche geringste Auswirkungen auf die Festigkeit der Schlinge haben. Die Polyamid-Schlingen sind zu bevorzugen, da diese durch einen Knoten weniger geschwächt werden.

Abnahme der Festigkeit bei Knoten in Bandschlingen

Schmelzpunkt

Der niedrigere Schmelzpunkt von Dyneema® hat keine negativen Begleiterscheinungen zur Folge. Selbst wenn ein Standplatz nach dem Prinzip der Reihenschaltung aufgebaut wird und hierzu mittels Sackstich das Zentralpunktauge geschaffen wird, so führt das Wandern des Knotens unter Belastung nicht zum Durchbrennen der Schlinge. Ein Durchbrennen einer Schlinge droht dann, wenn Reibungswärme auf einer nicht bewegten Schlinge entsteht. Deshalb gilt: Das Seil nie über eine Schlinge abziehen. Auch beim Ablassen und bei der Organisation des Standplatzes ist darauf zu achten, dass das Seil niemals über Schlingenmaterial läuft.

Bruchdehnung

Dyneema® ist ein sehr statisches Material. Aufgrund dessen sind Dyneema®-Schlingen für Reihenschaltungen am Standplatz mittels Mastwurf am Einzelstrang nicht geeignet, da der Knoten die Festigkeit zu sehr mindert. Deshalb Dyneema®-Schlingen immer im Doppelstrang verwenden.

UV-Beständigkeit

Die UV-Beständigkeit von Schlingen ist kaum messbar. Die UV-Beständigkeit von Bandschlingen spielt dann eine Rolle, wenn fix installiertes Schlingenmaterial am Standplatz vorgefunden wird. Diese Schlingen sind der Sonneneinstrahlung über längere Zeiträume ausgesetzt. Auch hier gilt das fixe Bandmaterial kritisch zu untersuchen und besser eine eigene, einwandfreie Schlinge anzubringen.

Schlingenmaterial beim Standplatzbau

Der Einsatz von Bandschlingen beim Standplatzbau ist trotz der genannten Faktoren insgesamt als unkritisch zu bewerten. Voraussetzung ist selbstverständlich, dass der Standplatz korrekt und mit einwandfreiem Bandmaterial errichtet wird. Kritisch wird es erst dann, wenn mehrere festigkeitsmindernde Einflussfaktoren zusammen auftreten. Deshalb ist jegliches Schlingenmaterial einer ständigen Kontrolle zu unterziehen und der Lebenslauf einer Schlinge genau zu beobachten.

Entscheiden Sie nach den folgenden Punkten, ob die Schlinge oder das Band ersetzt werden muss:

  • Nach einem harten Sturz (mechanische Schädigung durch Reibungshitze
  • Wenn das Nahtbild beschädigt ist (Festigkeit zweifelhaft
  • Bei irreversiblen starken Verschmutzungen (etwa durch Fette, Bitumen, Öl usw.)
  • Nach Kontakt mit Säuren, etwa durch eine Autobatterie
  • Nach starker thermischer Belastung (Verschmelzungen oder Schmelzspuren sichtbar)

Bestehen nach einem derartigen Ereignis Zweifel hinsichtlich der Haltbarkeit einer Schlinge, so ist diese unbedingt auszutauschen.


Für die Verwendung von Bandschlingen beim Standplatzbau sind zusammenfassend folgende Punkte zu beachten:

  • Immer ausschliesslich einwandfreie Bandschlingen verwenden, deren Lebenslauf (Alter, Anzahl Einsätze, Anzahl Stürze usw.) man kennt
  • Treten mehrere festigkeitsmindernde Faktoren gemeinsam auf, so kann die Reduktion der Festigkeit einer Schlinge in kritische Bereiche steigen
  • Auf Knoten in Schlingen sollte am Standplatz so weit wie möglich verzichtet werden (sollen z.B. Schlingen verlängert werden, so kann dies auch mit einem Karabiner geschehen)
  • Ein Kontakt von Schlinge auf Schlinge ist unbedingt zu vermeiden
  • Am Standplatz immer darauf achten, dass niemals Seil über Schlinge läuft, da dies zum Durchbrennen der Schlinge führen kann
  • Wenn Schlingen verknotet werden müssen, dann den Knoten immer im Doppelstrang knüpfen
  • Beim Standplatzbau nach dem Reihenschaltungsprinzip sind Polyamid-Schlingen zu bevorzugen, da diese durch die nötigen Knoten weniger geschwächt werden
  • Dyneema®-Schlingen sind aufgrund der hohen Festigkeitsreduktion durch Knoten für den Standplatzbau weniger geeignet
 
 
 
 
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